3 Wanderungen in Jotunheimen

 

Karte Nationalpark Jotunheimen

 

Besseggengrat

 

Tag 20, Anfahrt Sonnabend, 12. August

 

Nachts hatte es geregnet. Das war nichts außergewöhnliches und so blieb Jotunheimen mein nächstes Ziel.

Vor vielen Jahren war ich schon einmal in Jotunheimen gewesen, hatte dort im Fjell gezeltet und meine Liebe zu dieser Region entdeckt. Aber die Ehrfurcht vor den Bergriesen Jotunheimens hatte mich davon abgehalten, mich in die höheren Regionen zu begeben. Ja, nicht einmal über den Beseggengrat wagte ich zu wandern. Doch diesmal hatte ich die Scheu abgelegt und wollte morgen diesen viel fotografierten Grat endlich einmal besteigen.

7.15 Uhr verlasse ich den Campingplatz Jossen nördlich von Fagernes und fahre auf der 51 Richtung Bygdin.

 

Am Vinstri See gegenüber von Bygdin war es kalt, windig und regnerisch. Ich hielt mich hier nicht lange auf und fuhr weiter in die Valdres Hochebene.

 

Auf der Valdres Hochebene, die sich auf ca. 1300 bis 1400 m erhebt, blinzelte die Sonne hervor. Diese Hochebene ist von eiszeitlichen Steinen übersät, ...

 

... aber auch breite Gebirgsbäche, die zu Tal rieseln und Almwiesen prägen die Hochebene. Hier oben kann ich zum ersten mal den Beseggen sehen, dessen Gipfel hinter Wolken versteckt ist.

 

Hier das Ostufer des Gjendesees an dem auch die Gjendesheim Hütte liegt.

Ich hatte vor, im Gjendesheim zu übernachten. Doch Gjendesheim war hoffnungslos überbelegt, nicht nur die Hütte, sondern auch die Parkplätze. Der Rummel  war mir suspekt und ich entschloss mich, einen schönen Platz für die Nacht zu suchen und im Auto zu schlafen.  

 

Das Glück war mir hold und ich finde  eine ruhige Stelle in der Nähe eines Baches. Der Platz war windgeschützt und für kleine Augenblicke schien sogar die Sonne. Am späten Nachmittag kochte ich mir einen guten Kaffee und genoss die Natur um mich herum. Schnell stand für mich fest:  Hier werde ich für die Nacht  bleiben.

 

Von meiner Raststelle konnte ich sogar die Ausläufer des Sjodalsvatnet sehen.

Für den nächsten Tag plante ich, über den Beseggen Grat zu wandern.  Dazu musste ich diesen schönen Platz wieder verlassen und mit dem Auto am Schiffsanleger Gjendesheim parken.  Mit dem Fährschiff wollte ich mich, wie unter den Wanderern üblich,  nach Memurubu  bringen lassen und  von dort meine Wanderung über den Besseggengrat beginnen.Voraussichtlich würde ich 6 bis 8 Stunden zurück nach Gjendesheim benötigen. Für den nächsten Tag hieß es also früh aufstehen.

 

 

 

Tag 21, Wanderung, Sonntag, 13. August

Nach tiefem Schlaf und einer ungestörten Nacht im Auto stand ich gut ausgeruht 5.30 Uhr auf. Allerdings überraschte mich die morgentliche Frühtemperatur von 0° C. Ich musste mich warm anziehen mit Handschuhen und Mütze, hatte allerdings die Hoffnung, dass es sich tagsüber erwärmen würde, denn der Himmel war blau und fast wolkenlos.   

 

7 Uhr stand ich am Schiffsanlieger Gjendesheim. Da ich kein Ticket online gebucht hatte, musste ich mich am "BuyTicket" Einlass anstellen.

 

Ich ließ mich am Gjende See fotografieren und trank im Kiosk noch schnell eine heiße Tasse Kaffee. Das Auto hatte ich für 120 NOK pro Tag direkt am Kios geparkt. Die Fähre sollte 8 Uhr nach Memurubu ablegen. Da ein Schild auf der Pier aber den Fahrgästen empfahl, das Fährticktet wenn irgend möglich online zu buchen, ansonsten die Mitnahme begrenzt sei und auch auf spätere Fähren verschoben werden könnte, hatte ich mich frühzeitig am Pay-Einlass angestellt und musste jetzt in dem kalten Wind, der über die Pier fegte, jämmerlich frieren.

 

Und tatsächlich, schon 7.30 Uhr hatte sich an meinem Schalter eine lange Schlange gebildet. Doch 8 Uhr trat ein, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Das Schiff nahm nur die "Online" Bucher auf und wir anderen mussten zusehen, wie es ablegte und Richtung Memurubu Fahrt aufnahm.  Doch Gott sei Dank, wir mussten nicht lange warten und durften in das Schiff nach Gjendebu einsteigen, das dann in Memurubu zusätzlich Halt machte.

Die Fähre fuhr gegen Wind und Wellen flott über den Gjendesee. Wegen der Kälte blieben alle im geschützten Salon.

 

8.30 Uhr legte die Fähre in Memurubu an. Ca. 30  Menschen  strömten  eilig auf das Kay hinaus.

 

Sie liefen sofort schnellen Schrittes an der Hütte vorbei auf den Wanderweg zum Besseggen.  Die schräg stehende Sonne zauberte einen strahlend blauen Himmel. 

 

Man kann auch am Ufer des Gjendesees von Gjendesheim nach Memurubu laufen.

 

Der Pfad steigt dann nach Nordwesten durch steile Wiesenhänge zügig bergan. Leicht erstaunt stellte ich fest, dass es hier weitgehend trocken war. Die Moor- und Schlammlöcher, die mir in der Hardangervidda das Leben schwer gemacht hatten, gab es hier nicht. Nach 350 m Aufstieg bog der Pfad nach Osten ab und stieg später  nur noch leicht an.

 

Ab und zu markierten auch große Steinhaufen  Pfad und Richtung. Obwohl die Sonne tatsächlich wärmte, blies doch ein kalter Wind von Westen über die Bergkuppen.

 

Föhnartige Wolken zogen auf und erinnerten daran, dass das schöne Wetter nur von begrenzter Dauer sein wird. Von Westen her schoben sich sogar Wolkenbänke zu uns, die schon die höheren Gipfel Jotunheimens  verhüllt hatten.

 

Der Wanderweg steigt über Steine und Fels ohne besondere Schwierigkeiten bis auf 1500 m hinauf.

 

Am Björnböltjönne liegen im Schatten des Nordhanges noch einige Schneereste.

 

Das besondere an diesem Wanderweg ist die schöne Aussicht auf den Gjendesee, der sich schmal im Tal eingeschnitten parallel zur Gipfelkette hinzieht. Von hier oben schaut man auf den tief türkisblauen Gletschersee. Auch im August sind noch viele Gipfel mit Schnee bedeckt, obwohl sie oft nicht höher als 2000 m sind. Als ich einige Outdoor-Freaks hier oben an den Hängen in stabilen Geodäten zelten sah, wurde mir wehmütig um das Herz und ich wäre am liebsten auch eine Nacht hier oben geblieben.

 

Blick zurück zum Grat zwischen Gjendesee und Björnboltjönne

 

Die Wanderung über den Besseggengrat ist auch bei Norwegern sehr beliebt.

 

Blick nach Südost auf den Knutshö, 1517 m.

 

Allmählich näherte ich mich dem berühmten Joch, das den Gjendesee vom Bessvattnet trennt. Ca. 120 m muss man hinab steigen, dann stand ich am Ufer des Bessvatnet, der hier auf einer Höhe von 1373 m, während der Gjendesee auf 984 m liegt.

 

Es ist 11.30 Uhr geworden und so machte ich erst einmal eine ausgiebige Mittagspause in einer geschützten Felsecke. Ich genoss die Sonne, die Berglandschaft und Ruhe und hatte keine Eile das Plätzchen zu verlassen. Links unter mir der Bessvatnet. Daran anschließend das Joch zwischen ihm und dem Gjendesee.

Von hier aus konnte ich auch beobachten, wie die Wanderer den Besseggengrat hinauf kletterten. Dieser ausgesetzte Grat stellte eine gewisse Herausforderung an Schwindelfreiheit und Trittsicherheit dar.  Aus sicherer Entfernung sah ich wie die Menschen teilweise auf Händen und Füßen die 200 m  den Grat hinauf kraxelten. Auf die leichte Kletterei freute ich mich.

 

Hier stand ich am Ufer des Bessvatnet, der hier auf einer Höhe von 1373 m liegt.

 

Als ich dann wieder unterwegs war und den Grat in Angriff nehmen wollte, erinnerte ich mich an die spektakulären Bilder der Tourismuswerbung Norwegens, die den Beseggengrat so fotografiert,  dass man den Eindruck hat, ein schmaler Grat fällt  steil in den Gjendesee auf der einen Seite und ebenso steil in den Bessvatnet auf der anderen Seite.

Ganz so spektakulär war dann die Überquerung nicht.

 

Mir machte der Aufstieg großen Spass und ich kam auch an den Kletterstellen bis zum 2. Grat gut voran. Wer aber ausgesetzte Stellen nicht gewohnt ist, kann hier durchaus zögern. Wie ich es sah, erreichten aber alle den Gipfel.

 

Die letzten 50 Meter musste ordentlich gekraxelt werden.

 

Wunderbarer Blick von der höchsten Stelle des Besseggengrates auf den Gjendesee.

 

Weiter nach Osten veränderte sich die Landschaft. Es ging ca. 200 m hinauf durch Schutt und Schotter zum Gipfel des Beseggen mit knapp 1750 m.  

 

Kurz vor 13.30  Uhr  erreichte ich den großen Steinhaufen auf dem Gipfel des  Bessegen mit 1750 m. Der Wind wehte scharf bei Temperaturen von 5 bis 6° C. Wer Lust hat, wirft hier einen Stein auf den Haufen und trägt somit zum Wachstum des Gipfels bei.

 

Steinernes Meer am Gipfel des Besseggen.

 

Hinter dem Besseggen geht es dann 2 km auf breitem Weg, der meist sogar gut ausgeräumt ist, ganz allmählich bergab.

 

Ab 1300 m fällt der Wanderweg steil ab und erfordert Vorsicht. Hier hat man dann eine  großartige Sicht nach Osten auf den Gjendesee , sein Delta sowie die Schiffsanlegestelle mit den Parkplätzen.

 

Hier gibt es sogar kleine Kletterstellen.

 

Das Wetter hat sich gehalten. Hier an den Felsplatten stieg angenehm warme Luft empor.

 

 Ich lief zügig zum Gjendesee hinunter und erreichte  ca. 16 Uhr mein Auto an der Anlegestelle.

 

Glittertind

 

Tag 22, Montag, 14. August

 

Nach der Wanderung über den Besseggengrat war die Besteigung des Gittertind, 2464 m, am Rande des Jotunheimen Nationalparks mein nächstes Ziel. Dieser Berg trägt auf seinem Gipfel eine weit leuchtende Schneekappe.Hat ihm diese den Namen zu deutsch "Glitzerzinne" eingebracht oder sind es die im Gneis eingeschlossenen Glimmerpartikel? Nach dem Galdhöpiggen, 2469 m, ist er heute der zweithöchste Berg Norwegens. Bis 1981 war er noch der höchste Berg Skandinaviens. Aber dann war die Eiskappe so stark abgeschmolzen, dass ihn der Gesteinsgipfel des Galdhöpiggen überragte.

 

Nach Glitterheim kommt man nur über eine 20 km lange Schotterpiste, für die Maut von 40 NOK, ca. 4,50 EUR, zu bezahlen ist. Hat man kein Kleingeld, kann man einfach seine Visakarte in den Automaten stecken. Ich habe schon Deutsche getroffen, die kein norwegisches Geld bei sich hatten und alles, aber auch alles mit der Kreditkarte bezahlten.

 

Blick in dassVeodalen, wo leise der Veo dahinplätschert.

 

Nach 16 km Piste konnte ich den Glittertind, leicht in Wolken verhüllt, sehen. Er erhebt sich erstaunlich sanft aus dem Fjellmassiv. Nur der Gipfelaufbau fällt nach Norden steil ab.

 

Die Piste ist 7 km vor der Hütte gesperrt. Hier kann das Auto geparkt werden und nun kann man entweder zu Fuß zur Glittertindhütte laufen oder eines der Mountainbikes nehmen, für die aber bei Ankunft 70 Kronen bezahlt werden müssen. Mit meinem schweren Rucksack waren mir  die klapprigen Bikes suspekt und ich entschied mich für eine Wanderung zur Hütte.

 

Ganz anders  4 junge Deutsche, die noch heute den Glittertind besteigen wollten, aber weder Karte noch Kompass hatten. Sie erkundigten sich bei mir nach dem Weg und fotografierten meine Karte mit dem Handy ab. Ich staunte nicht schlecht als sie mir verrieten, dass sie heute auch noch zur Spiterstulenhütte wollten. „ Aber ihr wisst, dass es schon 2 Uhr nachmittags ist," wendete ich ein. Klar, schaffen wir und dann fragten sie mich noch, was hier mit den Fahrrädern los sei, die hier „rumliegen“.  Ich erklärte und ruckzuck hatte jeder schon ein Fahrrad in der Hand. Zitternd und wackelig radelten sie mit dem Rucksack auf dem Rücken  gen Hütte.    

 

Große Einsamkeit und eine karge Fjellvegetation prägen die Landschaft.

 

16.30 Uhr erreichte ich Glitterheim. Ich buchte ein Bett für 187 NOK, 20 EUR, verpflegte mich aber, wie viele andere auch, draußen  selbst. Im Windschatten der Hütte und in der warmen Nachmittagssonne kein Problem.

 

Kurz vor Sonnenuntergang spazierte ich noch ein Stück des Pfades zum Glitterttind. Was aus der Ferne noch wie ein sanftes Hügel ausgesehen hatte entpuppte sich als kräftiger Anstieg in ein schotteriges Fjell. Technisch schien es kein Problem zu sein, aber es verhieß einen stundenlangen Aufstieg über Geröll und Steine.

 

Aufstieg zum Glittertind. Hier grasten noch wilde Rentiere.

 

Rentiere in der Abenddämmerung.

 Ich kehrte schon bald um und setzte mich in den warmen Gemeinschaftsraum. Hier wurde hauptsächlich mit Karten gespielt. In dieser Hütte konnte man sogar kleine Bierdosen kaufen, das Stück für 12 EUR. Ich studierte meine Karte und blieb abstinent. 22 Uhr wurde Bettruhe angeordnet.

 

 

Tag 23, Dienstag, 15. August,

Ein Versuch den Glittertind zu besteigen.

 

Nach einer unruhigen Nacht stehe ich 7 Uhr auf, würge mein Müsli runter und mache mich 7.45  auf den Weg zum Glittertind.

 

Meine Chancen standen schlecht. Die Wolken hingen tief und schwer über dem Tal. Einen Augenblick lang fragte ich mich, warum ich überhaupt zum Glittertind aufbrach. So richtig überzeugend lässt sich das nicht erklären, aber dieser Berg zog mich auf geheimnisvolle Weise an und so nährte ich die Hoffnung in mir, es könnte sich überraschend  aufhellen, wie es sich ja auch überraschend zugezogen hatte. Zudem, das wusste ich genau, würden meine Gedanken den ganzen Tag um den Glittertind kreisen, wenn ich in der Hütte geblieben wäre.

 

Also machte ich mich auf den Weg und spekulierte, dass es nicht ganz so schlimm werden  konnte. Langsam aber stetig stieg ich bergan. Jetzt fiel mir auf, dass der Anstieg von einer Terasse auf die nächste erfolgte.  Jedesmal, wenn ich eine neue Terasse erklommen hatte, breitete sich vor mir ein neuer Horizont aus und das ging so Stunde um Stunde.  Das flachere Gelände war meist ein einziges Steinmeer oder eine Schotterwüste. An den Steilhängen gab es entweder Fels oder Schutt. Wie dem auch war, ich kam gut voran.

 

Nur das Wetter machte mir Sorgen. Plötzlich  stand ich in den Wolken und es wurde dunkel. Dann blies ein kräftiger Wind  und fort war der ganze Nebelspuk. Unterhalb der Wolkenbank hatte ich sogar gute Sicht. Nur ab einer gewissen Höhe verhüllten die Wolken den ganzen schneebedeckten Gipfel. Zwischen Hoffnung und Resignation hin und her getrieben, wanderte ich den T-Markierungen nach, musste aber im Nebel manchmal mit Unterstützung des Kompass den Weg suchen. Große Hilfe waren mir dann die Steinmännchen, deren Silhuette im Nebel besser zu erkennen war, als die gemalten T´s.

 

Je höher ich kam, desto kälter und schärfer wurde der Wind. Er trieb mich von den Markierungen weg. Wieder  einmal hatte ich die Markierung verloren. Mit dem Kompass peilte ich die Richtung zum Weg zurück.  Da merkte ich, dass ich nicht weit von einer Felskante stand, hinter der sich  ein fallendes Schnee- und Eisfeld ausbreitete. Ich musste nicht weit vom Gipfel entfernt sein, aber dass die Wolken die Spitze des Glittertind noch frei geben könnten, war sehr gering, sodass ich mich zur Rückkehr durchrang. Denn im Nebel bei starkem Wind auf einem steilen Firnfeld laufen, schien mir doch zu gewagt.  

 

Das war bitter, denn ich hatte mich auf die Rundumsicht gefreut und wollte auch Bilder vom  Gipfel und der umgebenden Landschaft mitbringen.  Aber es sollte nicht sein.

Langsam hangelte ich mich von einem Steinmännchen zum nächsten, bis ich wieder bessere Sicht hatte. 16 Uhr war ich wieder an der Hütte. Diesmal mietete ich mir ein Fahrrad und radelte zum Auto zurück.

Bei km 23 parkte ich an einem Fluss und verbrachte dort auch die Nacht. Schon jetzt stand mein Entschluss fest, den Glittertind bei schönem Wetter nochmals zu besteigen. Aber wann war schönes Wetter? Ich war auf viel Glück angewiesen.

 

Tag 24, Mittwoch, 16. August

Erkunden des Wetterberichtes

Als ich aufwachte regnete es. Ich war froh, nicht in der Hütte herumhängen zu müssen. Nach einem Frühstück mit Knäckebrot, Käse, Salami und Kaffee entschloss ich mich, nach Vagamo zu fahren.  Im Laufe des Vormittags wurde es dann schön. Mein Wettererkundung ergab, dass es hier lokal freundlich bis Morgen Mittag bleibt. Also könnte ich morgen sehr früh noch einmal einen Versuch unternehmen, den Glittertind zu besteigen.

 

Auf meinem Weg nach Vagamo fuhr ich am Vagavatn vorbei.

 

Auf dem Rückweg von Vagano machte ich kurz am Lemonsjön Rast.

 

Am späten Nachmittag fuhr ich nach Randsverk zurück auf einen Picknickplatz, unmittelbar vor der Mautschranke an der Piste nach Glitterheim.

Hier will ich es mir richtig gemütlich machen. Als erstes bereitete ich mir eine grosse Tasse heißen Kaffee.

 

Als ich mir Wasser vom Bach holte entdeckte ich einen großen Birkenpilz. Ich suchte weiter, bis ich  eine Tasche  Pilze gesammelt hatte.  Es war großartig.

 

Sofort wollte ich mir eine Pilzpfanne zubereiten. Eine Stunde später freute ich mich auf ein leckeres Pilzgericht schön mit Salamischeiben verfeinert und scharfem Pfeffer gewürzt.  

 Von der nahen Bauernhütte aus wurde ich intensiv beobachtet.

 

Die geschmorten Pilze waren eine willkommene Ablenkung von meinem Trockenessen. Es schmeckte wunderbar.  

 

Nachdem ich vorzüglich gegessen hatte, packte ich alles zusammen und fuhr gegen 8 Uhr abends zum Parkplatz Glittertindhütte. Um mich herum herrschte  Einsamkeit und Ruhe

 

Tag 25, Donnerstag, 17. August

Besteigung des Glittertind

 

Es war eine kalte Nacht. 5 Uhr in der Frühe verließ ich meinen warmen Schlafsack. Zum Frühstück gab es den Rest aus meiner Pilzpfanne und außerdem ein großes süßes Nussteilchen  zu einer Tasse Kaffee. Das war eine gute Essensgrundlage für heute. Ich war entschlossen in einem zweiten Versuch den Glittertind zu besteigen. Bis heute Mittag hoffte ich den Gipfel erreicht zu haben.

 

Im ersten Morgenrot  leuchteten schwarze Wolkenbänke blutrot auf.  Eine phantastische Stimmung.

 

Diesmal nahm ich mir ein Fahrad und radelte kurz nach 6 Uhr zur Glitterheim- Hütte. Da es immer leicht bergauf geht, brauchte ich für die Strecke eine Stunde, was länger als gedacht war. Glitterheim lag noch im Schlaf. Das Wetter war vielversprechend aber nicht verheißungsvoll. Dafür gab es zu viele Wolken  und aus Erfahrung wusste ich, wie schnell zarte Wolken zu schweren Regenwolken anwachsen konnten. Was mir große Hoffnung machte war die  Windstille.  

 

Ich zögerte nicht und brach 7.30 Uhr zum Glittertind auf.

 

Mit kräftigen Schritten steige ich nun zum dritten Mal den Hang hinauf.   Damit mir nicht zu warm wird, habe ich nur ein T-shirt mit langen Ärmeln an. Unter meiner Wanderhose trage ich allerdings eine Windstopper Jogginghose. Eine Vorsichtsmaßnahme falls der Wind zu stark wird.

 

Freie Sicht zum Gipfel, dass hatte ich mir innig gewünscht. Sofort war ich motiviert, so schnell wie möglich auf diesen Berg zu steigen. Es war nicht der Ehrgeiz, sondern die Angst, wieder von Wolken überrascht zu werden. 

Unverdrossen stieg ich Stunde um Stunde über die Steinfelder. Eine Pause kam nicht in Frage, denn wie ich befürchtet hatte, war Wind aus SSW aufgekommen, der fühlbar stärker geworden war. Ich musste mir eine Jacke anziehen .

 

Ein wunderschöner sonniger Morgen. Im Augenblick war ich noch allein auf dem Weg zum Gipfel.

 

Noch ist der Himmel über dem Gipfel blau. Ein positives Zeichen. Aber ich habe noch nicht das erste Schneefeld erreicht. Wahrscheinlich brauchte ich noch 2 Stunden bis zum Gipfel. Die Sicht war wunderbar. Trotzdem nahm ich mir zum fotografieren kaum Zeit.  

 

Ein Blick zurück auf den mühsam zu querenden Stein- und Schotterhang.

 

Ca. 10 Uhr erreichte ich den Rand des großen Schneefeldes am Hang. Der Wind war noch steifer geworden, der Himmel hatte sich etwas bedeckt, doch noch immer war die Sicht  gut.

 

Hier die Stelle, die ich vorgestern im ersten Versuch erreicht hatte.

 

Der Marsch über das Schneefeld war nicht so leicht wie ich mir vorgestellt hatte. Die Spur war vereist, der unberührte Schnee voller Harsch und der Wind hatte nun so an Kraft zugelegt, dass ich mich auf dem steilen Gipfelanstieg gegen den Wind vorbeugen musste. Ja, manchmal trieb mich der Wind auf die zerrissene Wächtenkante zu.

 

Große Freude auf dem Gipfel des Glittertind.

 

Doch dann hatte ich den Gipfel erreicht. Ich jubelte laut gegen den Wind an.  Schnell den Fotoapperat heraus und dann fotografierte ich in alle Richtungen. Aber schnell war der Akku kalt und es funktionierte nichts mehr. Egal, ich hatte ein paar schöne Bilder vom Glittertind im Kasten.

 

Einer der Gipfel ist der Galdhöpiggen.

 

Vorsichtig stieg ich wieder ab. Da kam mir schon der erste Wanderer entgegen. Er wollte schnell auf den Gipfel, um ein paar Fotos zu schießen, solange noch Sicht bestand. Ich bat ihn mich zu fotografieren, dann zog jeder weiter.

 

Schon tauchten auf dem Schneefeld weitere Wanderer auf. Eine Stunde später  wurde die Wolkendecke dichter und noch eine Stunde später war der Gipfel verhüllt.

 

Der Wind blies jetzt mächtig über die Höhen und war unangenehm kalt.

 

 

Im Schutz eines Steinhaufens machte ich gegen 12 Uhr eine längere Pause und trinke Orangensaft aus der Tüte.

 

Die Wolken wurden immer dichter und gegen 14 Uhr drohte Regen. Ich war glücklich und froh darüber schon so früh meine Wanderung begonnen und endlich den Glittertind bestiegen zu haben.

14.30 war ich wieder an der Hütte, mietete mir ein Fahrrad und radelte zum Auto zurück. Auch diese Nacht verbrachte ich wieder im Auto.

 

Galdhöpiggen

 

Tag 26, Freitag, 18. August

Anfahrt bis zum Campingplatz Böverdalen

 

Nachdem ich bei der zweiten  Glittertind Besteigung das notwendige Wetterglück hatte, entschloss ich mich, nach Lom zu fahren, um von dort aus den Galdhöpiggen zu besteigen.

Hinter Vagamo fuhr ich in aller Gemütlichkeit am Vaga See auf dem Solsidevegen (Südseitenweg) Richtung Lom. Ich erhoffte einen schönen Rastplatz, leider war mir das Glück nicht hold.

14 Uhr war ich dann in Lom und besichtigte die Stabkirche, eine der größten in Norwegen, und das Fjellcenter.

 

In Lom besichtigte ich die im 12. Jahrhundert errichtete Stabkirche. Dieses Holzbauwerk roch wunderbar nach uraltem teerhaltigen Holzschutz.

 

Ein schön gearbeitetes Türschloss aus dem Jahre 1725.

 

Der frisch renovierte Innenraum erinnerte mich an eine Basilika.

Der Altar und sein vollfarbig ausgemalter Raum waren reich mit Schnitzwerk und Bilder ausgestattet.

 

Die Kanzel, die aus dem 17 Jahrhundert stammte, gefiel mir besonders gut. Auch sie war reich verziert und schön bemalt.

 

An der Nationalstraße 55, wo die Gebirgsstraße zur Juvashütte aufsteigt, fand ich am Bövra den Campingplatz Böverdalen.

 

17 Uhr wurden 3 Dänen meine unmittelbaren Zeltnachbarn.  Wir kamen sofort ins Gespräch und ich erfuhr, dass sie morgen  den Galdhöpiggen besteigen wollten. Da ich gehört hatte, dass für Sonntag das Wetter für eine Besteigung besser sei, wollte ich einen Tag später hinaufsteigen. Gegen Abend erfuhr ich dann von einer Wetterverschlechterung für den Sonntag und entschied mich kurzfristig auch für eine Besteigung am Sonnabend.  Die Dänen, eine lustige Truppe, luden mich zu einem Bier ein-

 

Der Campingplatz Böverdalen.

 

 

Tag 27, Sonnabend, 19. August

Besteigung des Galdhöpiggen

 

Als ich morgens 5 Uhr aufwachte, regnete es. Die tief hängenden Wolken ließen mich an meinem Entschluss zweifeln. Unwillkürlich dachte ich an meine erste Besteigung des Glittertind, wo ich im Nebel der Wolken umkehren musste.   Unruhig lief ich mit einem Regenschirm auf dem Campingplatz hin und her.
Da sah ich auf einmal den Guide aus dem Tipi-Zelt über den Platz laufen. Beiläufig fragte ich ihn, ob er eigentlich auch vor habe mit seiner Truppe den Galdhöpiggen zu besteigen. Ja, brummte er etwas unwirsch. Auch bei dem Regen? fragte ich. Das ist egal, sagte er, ob es regnet oder nicht, wir gehen trotzdem. Es kann auch wieder aufhören, sagte er unter einem gewissen Schulterzucken.  Dann war das Gespräch beendet. Die Entschlossenheit fand ich mitreißend und war nun auch entschlossen, trotz Kälte, Regen und Wolken den Galdhöpiggen zu besteigen.

 

6 Uhr startete ich ohne gefrühstückt zu haben, meine Fahrt zur Juvass Hütte. Die Dänen schliefen noch. Auf einer kleinen Mautstraße ging es hinauf zur Juvashütte. Als ich Raubergstulen passierte ließ der Regeen etwas nach.

 

Ohne Hast und Eile fuhr ich im 2. Gang Kurve um Kurve  die steile Straße zur Hütte hinauf. Rand und Mittelstreifen waren nicht gekennzeichnet, sodass man manchmal in dem grauen Dämmerlicht nicht wusste, wie es nach einer Kurve oder einer Kuppe weiter ging.

 

Nach einer dreiviertel Stunde erreichte ich die Juvas Hütte. Es regnete wieder und die Berge waren von dichten Wolken verhüllt. Die Juvasshütte war noch geschlossen, aber der Wirt schloss die Hütte auf, als er mich sah. Ich bedankte mich höflich und fragte ihn, ob ich ein Frühstück bestellen könne.   Selbstverständlich, in einer halben Stunde öffne er den Speisesaal.

 

Mir gefiel der freundliche Ton und so hockte ich bald in dem gut aufgewärmten großen Speisesaal und schaute skeptisch hinaus in die Wolken und den Regen.

Das Frühstücksbuffet war großartig und ich genoss es, einfach aufzustehen und mir den Teller mit den leckersten Wurst und Käsesorten zu füllen.

 

9 Uhr regnete es immer noch. Als ich mich an der Rezeption nach Wetter und Weg erkundigte, sagte mir die Dame es gehe über einen gefährlichen Gletscher, ich müsse einen Führer nehmen und der kostet 250 NOK, ca. 28 EUR . Ich solle mich bis 9.30 Uhr entscheiden. Als ich nach draußen sah, traute ich meinen Augen nicht. Unaufhörlich strömten Menschen im Regen zur Hütte, um ein Ticket für den Guide zu kaufen. Ich war beeindruckt, wie die Menschen ungerührt vom Regen den Galdhöpiggen besteigen wollten.   Also kaufte ich auch ein Ticket und begab mich sofort zum Sammelpunkt.  „Komme was da wolle, mal sehen was draus wird,“ dachte ich in einem Anflug von Galgenhumor.

 

10 Uhr setzten sich die Menschen in Bewegung und marschierten ziemlich flott auf dem steineübersäten Pfad Richtung Gletscher. Ich staunte nicht schlecht wie schnell und geschickt die Leute über die Steinköpfe hinweg balanzierten. Ich war heilfroh durch meine Wanderung über die Hardanger Vidda schon eine gewisse Routine im Hüpfen und Balanzieren über Steine erworben zu haben. Allerdings ist größte Vorsicht geboten, weil man auf den nassen Steinen leicht ausrutschen konnte.

 

Als wir uns dem Gletscher näherten hingen die Wolken tief und es regnete immer noch.

Dann kam der große Gletscher. Der ganze Zug stoppte und sammelte sich am Gletscherrand. Die Guides  traten vor und erklärten den Wanderern  lange, wie sie sich beim Anseilen zu verhalten hätten.

 

Anschließend wurden lange Leinen ausgelegt, Schlaufen geknüpft und der Karabiner  jedes einzelnen wurde in die Schlaufen eingehakt. Es entstanden Seilschaften von 70 bis 80 Menschen.

 

Es dauerte eine ganze Weile bis sich dann die erste Kolonne auf dem Gletscher in Bewegung setzte. Ich musste noch eine halbe Stunde warten, bis auch meine Seilschaft  los marsschierte. Zufällig war ich der Schlussmann am Seil. Auch hier staunte ich wieder wie zügig, aber dennoch gleichmäßig sich die lange Kolonne bewegte.  Jeder der 80 Teilnehmer hielt das Seil auf richtigen Abstand.

 

Wir stiegen zügig den Gletscher hinauf.  Erst durch tiefen Schneematsch und Wasserpfützen.  Dann über aperes Eis oder auf weichem Schnee. Keine Frage, es strengte sehr an. Pausen gab es nicht und den Rhythmus gab die  Seilschaft vor.

 Ein endloser Lindwurm wälzte sich über den Gletscher den Hügel hinauf.

 

Ununterbrochen wand sich der Lindwurm auf eine mächtige Schutt-Moräne zu.  Jetzt gab es Stockungen, weil sich die Vorderen  auf dem Schuttkegel aus dem Seil ausklinkten. 

 

12.30 Uhr war das Ende des Gletschers erreicht. Wir stiegen noch ein Stück bergauf, dann wurden die Seile auf den Steinen abgelegt.

 

Jeder suchte ein Plätzchen für eine kleine Pause. Ich aß ein Brötchen und trank Orangensaft aus der Tüte. Kaum merklich hatte es schon auf dem Gletscher aufgehört zu regnen. Da und dort riss  bereits die Wolkendecke auf. Ich konnte endlich in guten Momenten die umgebenden Berge fotografieren.

 

Aber schon bald gab es kein Halten mehr. Jeder stürmte nach eigenem Gusto erst auf den Felssteinen, ...

 

... dann auf dem mäßig  steilem Firnschnee den Gipfel hinauf.

 

Ein kurzer Blick auf den Gipfel des Galdhöpiggen, der nach Westen steil abfällt.

 

Ab und zu auch ein schnelles Foto der näheren Umgebung.

 

Der Firn war griffig, doch sehr anstrengend.   Letzter Kräfteeinsatz, neben mir tiefes Atmen und pusten. Wie entfesselt stürmten wir den Gipfel hinauf und dann konnte ich schon die teilweise verglaste, futuristisch anmutende Gipfelhütte sehen.

 

Hurra, endlich, das war der Gipfel. Das war der Moment auf den ich mich so gefreut hatte, den ich herbeigesehnt hatte. Überall freudige Stimmung  und gelöste Unterhaltung. Aber es herrschte auch ein großes Gedränge und immer noch strömten Menschen nach und füllten den Gipfel.

 

Morten grüßt freudig, er hat es gleich geschafft.

 

Hier oben traf ich auch die Dänen wieder. Erst hatten sie sich vor lauter Erschöpfung in den Schnee  geworfen, aber kurze Zeit später saßen sie glückselig im Schnee und genossen die unglaublich Situation, den Galdhöpiggen bestiegen zu haben.

 

 

Mir ging es genauso. Vor allem war ich sehr glücklich, diese Tour trotz Regen und Wolken gemacht zu haben.  Ob ich morgen das Glück gehabt hätte, weiß ich nicht. Ich glaube Nebel, Sturm und Kälte können am ehesten eine Besteigung verhindern. Oder noch schlimmer den Rückweg unmöglich machen. Das Wetter in den Bergzonen  Norwegens ist gegenüber den Alpen  wesentlich wechselhafter und extremer und damit schwerer vorhersagbar.

 

Nachdem ich meine Umgebung in den Augenblicken in denen die Wolken aufrissen und die Sonne hervorkam, fotografiert hatte, vor allem Bilder vom Glittertind gemacht hatte, dachte ich an den Abstieg.

 

Sensationell, der Glittertind zum Greifen nah-

 

Auf der Zunge der Endmoräne seilten uns die Guides wieder an.  

 

Wieder marschierten lange Seilkolonnen  gleichmäßig stetig über den Gletscher. Aus einer dichten Wolkendecke waren Schönwetterwolken geworden mit sonnigen Abschnitte.  

 

Auf dem Gletscher mussten wir oft durch tiefen Schneesumpf und auch über aperes Eis. Nicht lange und es wird hier wieder schneien.

 

 

Der ruhige Gang über den Styggegletscher gefiel mir besonders gut. Hier spürte ich wieder die Weite und Einsamkeit Norwegens.

 

 

Ab drei Uhr nachmittags wuchsen die Schönwetterwolken zu dunklen Wolkenbänken heran.

Unverdrossen marschierten wir über das große Steinmeer der Juvasshytte entgegen.

 

Blick auf den Juvvatnet. Rechts von ihm die Juvasshütte, links ein Stück der Sommerskipiste.

 

Der Juvvatnet, ein kalter Gletschersee.

 

Von allen Seiten strömten die Wanderer auf die Juvasshütte zu.

 

Zuletzt gaben wir unsere Brustgurte ab und verabschiedeten uns von den Bergführern.

 

Ich war so froh, dass ich mich heute morgen trotz des Regens für die Tour auf den Galdhöpiggen entschieden hatte. Glücklich und zufrieden ging ich sofort zu meinem Auto und fuhr hinunter zum Campingplatz Böverdalen. Dort wollte ich die Nacht verbringen.

Die Besteigung das Galdhöpiggen, des höchsten Berges Norwegens, sollte mein letzte große Wanderung in diesem Sommer in Norwegen sein.   

 

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